Hool


Heiko Kolbe hat zwei Familien. Eine, in die er hineingeboren ist und Eine, die er sich ausgesucht hat. Wo er sich wohl fühlt und glaubt er gehöre dorthin, ist eine Gruppe von Männer, die sich nur um Fußball kümmert. Genauer gesagt, um Hannover 96. Sie treffen sich nach den Spielen auf einer Wiese und hauen sich gegenseitig auf’s Maul. Heiko hofft schon seit längerer Zeit,  Anführer dieser Gruppe zu werden, aber sein Onkel Axel, der den Haufen in der Hand hat, gibt das Zepter nicht ab. 
Heikos echte Familie steckt in verschiedenen Miseren. Der Vater Alkoholiker (Heiko kann ihm längst das Wasser reichen!), wird von Heikos Schwester zum Entzug in eine Rehaklinik gesteckt. Die Stiefmutter, Heikos richtige Mutter ist verschwunden, stammt aus Thailand und ist nicht in der Familie willkommen. Manuela, die Schwester, ist unglücklich, weil sie andere funktionierende Familien um sich hat und weiß, dass ihre so nie sein wird. 

Das Gefühlsleben des jungen Mannes kommt hervorragend rüber und die brutalen Szenen sind erstklassig  beschrieben. Man hat das Gefühl, mittendrin zu stehen. (nicht, dass das mein Wunsch wäre!) Der Text ist einfach und schnell zu lesen. Die Story hat Hand und Fuß. Mich hat eher diese plumpe Clique verschreckt. Die nur auf Schläge aus ist. Die aber ebenfalls voller Komplexe steckt, sich dem echten Leben nicht stellt und dumpf vor sich hin stapft. Verrückte Typen sind dabei vertreten, wie Armin, der Tiere sammelt, wie Tiger und Bartgeier.
"...Sie bereitete Kaffee und Kuchen vor. Das war sone feste Tradition im Hause Seidel. Irgendwie auch schön, schätze ich. Hab das ja nie so wirklich gekannt. Also von mir zu Haus. Andererseits erschien mir das auch ziemlich nervig. Das man sich um Punkt halb vier nachmittags immer am Küchentisch einfinden musste. Ob man nu Bock auf Kaffee und Kuchen hatte oder nicht. Das galt auch für uns als Hausgäste. Wurde einfach so auf uns übertragen, die Regel. Außer mir schien das aber niemandem komisch vorzukommen..." (Seite 135)

Auf den ersten Seiten des Buches konnte ich nicht sagen, ob mich das Buch in seinen Bann gezogen hätte. Fußball ist für mich ein Sport, der mich meistens nur zu den Weltmeisterschaften interessiert. Dass es Hooligans gibt, weiß ich. Was die allerdings antreibt, ist mir ein Rätsel. Was auch durch diesen Roman nicht besser geworden ist. Etwa ab der Mitte des Buches, war ich allerdings tatsächlich gefangen und las mich an einem Nachmittag durch den gesamten Roman. Die Schreibweise von Phillip Winkler erinnerte mich ein bisschen an Sven Regeners “Herrn Lehmann”. Der Roman mutet ab und an auch witzig an, lässt mich aber auch nachdenklich zurück. Welche Wut den jungen Mann antreibt, solche brutalen Ausbrüche zu veranstalten? 



Mein Fazit: wenn man sich mit der Schnoddersprache der Hauptdarsteller angefreundet hat und sich über die ersten Seiten hinein gelesen hat, ein sehr unterhaltsamer Roman. 




Philipp Winkler hat selber aus seinem Buch vorgelesen. Er wählte hierfür nicht die rauen, brutalen Scenen, sondern eine Nachdenkliche. Eine Stelle, die für Heiko steht. Phillip Winkler wirkt so, als wüsste er wovon er schreibt. Als wäre ihm, die Holliganscene nicht unbekannt.

"Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover. Studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, in Albanien, Serbien und Japan. Neben Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien, erhielt er 2008 den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis und 2015 für Auszüge aus Hool den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz. „HOOL“ ist sein Debütroman." (Autorenprofil vom Aufbau Verlag)

Erstausgabe:19.09.2016
Verlag : Aufbau Verlag
ISBN: 9783351036454
Fester Einband 310 Seiten

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Kommentare

  1. Liebe Andrea,

    die Rezi gefällt mir gut, zeigt sie doch den etwas anderen Schreibstil gut. Wäre wohl auch etwas für mich, wobei mich die Sprache auch etwas abschreckt.

    Liebe Grüße
    Barbara

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  2. Oh, ich glaube, das ist jetzt nicht das Richtige für mich.
    Hannover 96 ist nicht gerade meine Lieblingsmannschaft. Und ich würde von meinen Männern bestimmt "geächtet", wenn ich mit einer anderen Mannschaft fremdgehe, grins.
    Aber Danke Dir fürs Verlinken und hab einen schönen Abend,
    Nicole

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